Mittwoch, 13. April 2016

Altes Heilungswissen in Mitteleuropa



WenderInnen sind Leute, die durch Handauflegen und verschiedene "Pflaster" heilen. Wenn Frauen diesen Beruf ausgeübt haben, waren sie oft auch Hebammen. Eine Zeit lang wurden sie als Hexen/Hexer verfolgt. Aber es wurden weder alle ausgerottet noch ging das gesamte Wissen dieser HeilerInnen verloren.


Auf WenderInnen gestoßen
Schon immer hatte ich ein seltsames Gefühl dabei, wenn ich hörte, dass durch die Hexenverfolgung ALLE HeilerInnen und ALLES Wissen in Mitteleuropa ausgerottet wurde. Kann ja nicht sein, dachte ich, irgendwo müssen ja - vielleicht ganz versteckt - welche ihre Künste weitergegeben haben. Und das ist auch so. Zum Beispiel im niederösterreichischen Alpenvorland gibt es heute noch Wender und Wenderinnen. Und sie haben sich das, was sie tun, nicht ganz neu ausgedacht, sondern erlernt. Meine Urururgroßmutter war Wenderin und Hebamme im 19. Jahrhundert, wie ich vor einiger Zeit erfahren habe. Sie war lange nicht die einzige. Und das bedeutet, dass diese Berufsgruppe tatsächlich nie ganz ausgestorben war.

Wie WenderInnen arbeiten
Krankheit und Gesundheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Ist jemand krank, so geht es darum, die Seite "Krankheit" zu wenden und wieder Gesundheit entstehen zu lassen. Das ist der Grundsatz, nach dem sich die Arbeit der WenderInnen richtet (soweit ich das gelernt habe, wenn du noch weitere Grundsätze kennst, bitte schreib sie in die Kommentare oder an eva.ruth@gmx.at). Das geschieht durch verschiedene Techniken. Handauflegen, Besprechungen oder Pflaster wurden und werden eingesetzt.

Handauflegen
Die Hand wird auf die erkrankte Stelle oder die Stelle, an der die Ursache für die Erkrankung angenommen wird, aufgelegt. Die Krankheit wird quasi in die Hand genommen, so dass die Innenfläche der Hand die kranke Seite der Medaille repräsentiert. Danach wird - meist mit Hilfe von gesprochenen Heilformeln - die Hand langsam gewendet, so dass die Krankheit oben zu liegen kommt und sich auflösen kann und die Handrückseite, die nun die gesunde Seite repräsentiert, auf dem Körper des Erkrankten (und nun Gesundenden) zu liegen kommt.

Besprechungen
Krankheiten werden auch besprochen. Leider kenne ich praktisch gar keine konkreten Formeln, mit denen dies geschieht/geschah. Alte Formeln würden heute aber vielleicht gar nicht mehr verstanden werden. Besprochen wird jedenfalls auf verschiedene Weise.
  • Die Krankheit wegführend. Hier wird versucht, die Erkrankung wegzulocken. Das kann auch schon einmal hinterhältig mit Tricks passieren. Oder einfach durch Überreden.
  • Die Krankheit betrachten und anerkennen. Eine meiner Meinung nach sinnvollere Methode, weil jede Krankheit ja für einen Entwicklungsschritt im Leben eines Menschen steht. Hier wird die Krankheit befragt, was sie sagen will, betrachtet und gut geheißen. Kann die Krankheit sich auf diese Weise mitteilen und wird anerkannt, wird sie oft schon unnötig und kann gehen und der gesunden Seite Raum lassen.
Pflaster
Plaster sind im Grunde Salben mit unterschiedlichsten Inhaltsstoffen. Diese kommen natürlich aus der Natur, sind also pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Ursprungs. Das kann von einer Schmalz-Ringelblumensalbe bis zu Heilerde oder komplizierten Rezepturen alles sein. Diese Pflaster werden auf die erkrankte Stelle (oder die Stelle, an der der Ursprung für die Erkrankung vermutet wird) gelegt und bleiben eine Zeit lang dort. Kann mit oder ohne Besprechung einwirken.

Tiefes Wissen vor Ort
Klar ist uns, dass zum Beispiel die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents oder auch die Tibeter altes Heilwissen haben. Viele suchen dortige Schamanen auf, um Heilung zu finden oder etwas zu lernen. Das ist wunderbar! Doch solche Reisen sind manchmal - vielleicht sogar oft - mit der Überzeugung verbunden, dass bei uns diese Art Wissen nicht mehr besteht. Ich möchte mit diesem Artikel einmal einen Anstoß geben in die Richtung, dass auch wir das immer konnten - auch heute noch können. Anregung von außen zu suchen, ist sehr sinnvoll, wirkt aber viel intensiver, wenn wir in uns wissen, dass es uns bereichert und auf einen schon vorhandenen Grundstock aufbauen kann.

Wo sonst noch?
Von den WenderInnen im Alpenvorland weiß ich, weil meine Vorfahren aus dieser Gegend kommen. Kennt ihr in eurer Gegend auch solche Leute? Vielleicht nennen sie sich anders, arbeiten aber ähnlich nach ganz alt überlieferten Verfahren? Wenn ja, bitte schreibt in die Kommentare oder direkt an eva.ruth@gmx.at.

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